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Kalka 1

Die Sonne war schon untergegangen, eine seltsam blaues Zwielicht herrschte in meinem Zimmer. Er lag auf mir, noch verschwitzt vom Sex und atmete an meiner Schulter. Der Moment war verzaubert, er schien einzigartig. Das verleitete mich dazu, diesen Satz, diesen dummen, unüberlegten Satz zu flüstern: "Erinnere mich daran; sollte ich diesen Moment jemals vergessen, erinnere mich daran!"
    Er rührte sich nicht. Nach einer Weile hob er den Kopf und ich sah eine Träne auf meinem Oberarm liegen. Den Anblick konnte ich nicht ertragen und mir kamen selbst die Tränen. Was hatte ich da gesagt? Und vor allem: was dachte er jetzt darüber?
     "Ich will nicht, dass du das einmal vergisst. Ich will nicht, dass wir das vergessen!", klagt er flüsternd.
     Ich erkannte entsetzt, dass er naiv war, weil er nicht dieselben Erkenntnisse gewonnen hat, nicht gewinnen konnte - war dies doch seine erste Beziehung! Ich hingegen hatte entdeckt, dass solche Momente am Anbeginn einer Beziehung im Laufe der Zeit vergessen werden. Man erinnert sich nicht daran; die Gedanken verstauben und zerfallen zu nichts, wenn man nichts dagegen tut. Ich hatte nichts dagegen getan.
     Wir klammerten uns aneinander und konnten die Tränen des anderen nicht ertragen. Was sollte ich ihm jetzt sagen? Die schonungslose Wahrheit, dass die Wahrscheinlichkeit des Vergessens sehr groß ist? Oder doch die romantische Lüge, dass uns das sicher nicht passieren wird? Ich wollte ihn schließlich nicht noch mehr verletzen. Ich entschied mich für die optimistische Wahrheit: "Es ist wahrscheinlich, dass wir das irgendwann vergessen oder einer von uns - mir ist das schon passiert. Aber ich kann dir versprechen, mein Möglichstes zu tun, um das zu verhindern!"
     Er nickte und schluckte die restlichen Tränen hinunter. Nach ein paar Minuten Schweigen flüsterte er erneut: "Ich hatte solche Angst. Wir hatten letzte Woche kaum Sex und du hast mir das doch von deiner letzten Beziehung erzählt* und da dachte ich, ..."
     "Dass ich dich nicht mehr liebe??"
     Er nickte.
     Ich konnte es nicht fassen. Er hatte nichts verstanden von dem, was ich ihm erzählt hatte, oder aber ihn hatten seine Selbstzweifel wieder einmal übermannt. Unter neuen Tränen setzte ich mich auf, weg von ihm und krächzte verzweifelt: "Wie kannst du nur? Wie kannst du nur so etwas sagen? Wie kannst du mir nicht glauben, dass ich dich liebe? Habe ich es nicht genug bewiesen?"
     Sven** lässt sich schnell von seinen Dämonen einwickeln und sieht dann nicht mehr klar, wie der tatsächliche Sachverhalt wirklich aussieht. Doch das tat weh, unglaublich weh, dass er mir einfach nicht vertraute oder mit mir redete! Das mit letzter Woche lag einfach daran, dass ich unter Zeitdruck gestanden bin und mir ein großes Schlafschuldenpensum aufgebaut hatte. An nichts anderem! Er sah seinen Fehler aber schnell ein, versicherte sich noch ein letztes Mal, dass diese seltsame Situation nicht das Anfang vom Ende sei und entschuldigte sich dann minutenlang für sein Verhalten.

     Danach lagen wir noch friedlich in der Dämmerung im Bett und fühlten uns näher als je zuvor. Wir hatten uns alles verziehen, alles erzählt, alles geklärt und das fühlte sich verdammt gut an. Aber wir wusten beide, dass solche Momente wieder und wieder kehren würden - die grausamen wie die wundervollen Augenblicke.



* die letzten Monate hatte es mit dem Exfreund kaum Sex gegeben, ich fühlte mich nicht mehr zu ihm hingezogen und fand seine Annäherungsversuche abstoßend
** Name geändert
30.5.11 17:37
 


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